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Objekt des Monats

Die Städtischen Museen und das Archiv der Welterbestadt Quedlinburg präsentieren jeden Monat ein ganz besonderes Objekt aus ihrer Sammlung. Entdeckt mit uns besondere Objekte der Museen und Sammlungen der Welterbestadt Quedlinburg!

April 2021 - Die Axt im Wald
Rundnackige Axt | Foto: Christian Müller M. A., Städtische Museen Welterbestadt Quedlinburg

Rundnackige Axt; Fundort: Blankenburg (1975); Material: wahrscheinlich Basalt; Länge gesamt 18,2 cm, Schneide 6,8 cm, Auge 7,3 cm; Stärke (mittig): 8,4 cm, Durchmesser Auge: 3,4 cm und 3,7 cm, Gewicht: 2156 g; Foto: Christian Müller M. A., Städtische Museen Welterbestadt Quedlinburg

Als dieses Werkzeug zum Einsatz kam, war der Harz noch von dichtem Wald bedeckt. Die steinerne Axt stammt aus dem Jung- bis Spätneolithikum (3800-2800 v. Chr.), also aus der Steinzeit. Unsere Vorfahren benötigten sie sicher regelmäßig, um die Wildnis der Umgebung in urbares Land zu verwandeln. Das Objekt wird fachlich als rundnackige Axt bezeichnet, sie gehört zur Obergruppe der Steinäxte und besteht wahrscheinlich aus Basalt. Man bezeichnet sie auch als mitteldeutsche Rundnackenaxt vom Sächsischen Typ. Diese Äxte wurden über Jahrtausende in Nord-, Mittel- und Westeuropa genutzt. Neben Äxten aus Stein gab es in der Vorgeschichte auch solche mit Klingen aus Geweih, Feuerstein, Buntmetall und Eisen. Der Schaft war aus Holz, daher ist er bei den meisten archäologischen Funden dieser Art nicht erhalten. Im Zusammenhang mit dem Objekt tun sich spannende Fragen auf, unter Anderem: War es überhaupt ein Werkzeug? Ist das eine Axt oder ein Beil? Wie wurde sie hergestellt? Nach der wissenschaftlichen Definition werden die historischen Geräte mit durchbohrter Klinge als Axt bezeichnet, nicht durchbohrte als Beil. Zur Herstellung wählte man einen Stein in geeigneter Form, oder man zerlegte einen größeren Stein durch Schlag oder Sägen. Das Rohstück konnte durch Picken weiter in Form gebracht werden. Danach wurde der Rohling auf Sandsteinplatten geschliffen. Die Bohrung wurde mittels eines hölzernen Bohrstabes vorgenommen. Die große Mühsal der Herstellung kann man sich kaum vorstellen. Ebenso die Anstrengung bei der Arbeit mit der ca. 3 kg schweren Axt. Gewöhnlich wurden sie zur Be- und Verarbeitung von Holz verwendet, z. B. zur Rodung von Wald sowie zum Haus- und Brunnenbau. Die balligen Wangen unseres Objektes weisen darauf hin, dass es eher zum Spalten als zum weiteren Bearbeiten von Werkstücken geeignet war, denn diese Form erhöht den Spalteffekt. Beile und Äxte kamen auch als Waffen und bei der Opferung von Tieren sowie bei Hinrichtungen zum Einsatz. Ebenso dienten sie als Kultobjekte.

Unsere rundnackige Axt stammt aus der Umgebung von Blankenburg. Sie kam 1975 in den Bestand der Sammlung der Städtischen Museen. Wenn ihr nun das nächste Mal Holz spaltet oder im Garten einen Baum fällt, könnt ihr euch an die Jahrtausende alte Tradition erinnern und euch an der Schärfe eurer (wahrscheinlich metallenen) Axt erfreuen. Oder nutzt ihr ein Beil? Den Unterschied kennt ihr ja nun.

März 2021 - Instrumentum Architecturae nach Balthasar Neumann
50 DM-Banknote der Serie BBK3: Deutsche Bundesbank (gemeinfrei)

50 DM-Banknote der Serie BBK3: Deutsche Bundesbank (gemeinfrei).

instrumentum architecturae: Proportionalwinkel, 18. Jahrhundert, Messing. Maße Winkel: B 17,3 cm, H (beide Schenkel zusammen) 3 cm, Materialdicke 4 mm; Maße Kreuz: B 9,5 cm, L 18,1 cm, Materialstärke 1 mm. Inventarnummer: V/696/C. © Foto: Städtische Museen, Christian Müller M.A.

Das Objekt dieses Monats März gibt Einblick in die Arbeit von Architekten und Bildhauern vor ca. 250 Jahren. Es stammt aus dem Nachlass des Quedlinburgers Dr. Johannes Spitzmann (1884-1961). Das „Instrumentum Architecturae“ nach Balthasar Neumann“ ist ein Proportionalwinkel, ein analoges Rechengerät. Es diente dazu, die Abmessungen von Bauteilen oder Skulpturen räumlich und proportional zu vergrößern und erleichterte so die Arbeit von Architekten und Bildhauern, die Werke der Bildhauerkunst vervielfältigen oder kopieren wollten.

Das Gerät funktioniert nach der Drei-Zirkel-Methode. Dabei werden auf einem Modell Hauptpunkte eingerichtet, von denen ausgehend die erforderlichen Maße mit Stechzirkeln oder Greifzirkeln übertragen werden. Die Hauptpunkte werden auf die herzustellende Skulptur in dem gewünschten Maßstab übertragen und ergeben je nach der erforderlichen Anzahl von Hauptpunkten gedachte Verbindungslinien mehrerer Dreiecke.

Diese spezielle Art des Proportionalwinkels wurde von Balthasar Neumann (1687-1753) erfunden. Der Würzburger Baumeister, Ingenieur und Artillerist nannte es instrumentum architecturae und entwickelte es für die Berechnungen seiner Rokokobauten. Sein bekanntestes Bauwerk ist die Würzburger Residenz; daneben hat er zahlreiche Kirchen und Profanbauten errichtet. Mit seinem Zirkel konnten Proportionen, z. B. von verschiedenen Säulenarten, bequem abgelesen werden. Die nicht mehr ganz so jungen Leser*innen kennen Balthasar Neumann vielleicht noch, aber sicher nicht, weil sie sein Rechengerät benutzten: Balthasar Neumann war auf dem 50 D-Mark Schein abgebildet. Direkt über der Zahl 50 ist sein instrumentum architecturae abgebildet.

Wie das Messgerät in Spitzmanns Besitz kam, ist nicht bekannt. Der Quedlinburger Maler und Lehrer war von 1928 bis 1930 an der Einrichtung des Museums im Quedlinburger Stiftsschloss beteiligt und war außerdem etwa 25 Jahre ehrenamtlicher Leiter der städtischen Kupferstichsammlung und Kunstfachberater der Stadt, deren Gemäldesammlung er auch restaurierte. Spitzmanns Werke sind heute einer der Sammlungsschwerpunkte der Städtischen Museen. Die Sammlung umfasst derzeit 49 Ölgemälde, 787 Grafiken und zwei Schriftstücke von ihm. Spitzmann ist bekannt als Heimatmaler, der gerne mit verschiedenen Zeichentechniken experimentierte und außerdem als Heimatforscher tätig war.

 

Februar 2021 - Hygienische Vorschriften gegen die Pest im Jahre 1680
Hygienische Vorschriften gegen die Pest im Jahre 1680 | Foto: Doreen Klinger

Hygienische Vorschriften gegen die Pest im Jahre 1680. Von Dr. W. Fischer-Defoy, Quedlinburg. Sonderabdruck aus der MEDIZINISCHEN KLINIK, Wochenschrift für praktische Aerzte. Jahrgang 1909, Ausgabe Nr. 44, Verlag von Urban & Schwarzenberg, Berlin, N. 24. © Städtische Museen und Archiv der Welterbestadt Quedlinburg. Foto: Doreen Klinger

Die Covid-19 Pandemie beschäftigt seit Monaten auch viele Quedlinburger. Es wurden weitgreifende Einschnitte in das persönliche Leben durch gesetzliche Vorschriften vorgenommen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sind geschlossen, Kinder können nicht zur Schule gehen und viele kleine Einzelhändler kämpfen ums Überleben. Im persönlichen Umfeld achtet man sehr auf Abstand und Hygiene im Umgang miteinander und jeder kennt die „AHA“-Regeln. Eine Pandemie solchen Ausmaßes gibt es zum Glück sehr selten, aber der Blick in unsere Stadtgeschichte zeigt, dass auch Quedlinburg vor ähnlichen Herausforderungen stand: seit dem 14. Jahrhundert gab es immer wieder Pestwellen, gegen die die Stadt ankämpfte. Ende des 17. Jahrhunderts gab es dann erfolgreiche Maßnahmen gegen die Pandemie, von denen das Objekt des Monats berichtet. Es ist ein Heft von Dr. W. Fischer-Defoy aus der Historischen Bibliothek der Welterbestadt. Es befasst sich mit hygienischen Vorschriften gegen die Pest im Jahr 1680. Die Schrift vergleicht drei Flugschriften aus Weimar, Rudolstadt und Quedlinburg. Solche Flugschriften wurden im 17. Jahrhundert überall gedruckt und verteilt, um das Volk zu instruieren, wie der Epidemie zu begegnen sei. Vor Allem sah man die Pest als Strafe Gottes an. Mit gottesfürchtigem Verhalten, Gebet und Demut sollte das Übel abgewendet werden. Darüber hinaus gab es viele Vorschriften für das Alltagsleben. Die meisten dieser Regeln beruhten auf der Ansicht, dass die Krankheit über die Luft übertragen werde. Das Quedlinburger Flugblatt rät denen, die mit Pestkranken zusammenkommen, sich so hinzustellen, dass der Atem des Kranken sie nicht trifft, und oft auszuspeien, weil der Speichel sich zuerst mit dem Gift vereinige. Weitere Anordnungen zielten darauf ab, die Luft rein zu halten: nichts Stinkendes und Fauliges sollte Ursache zur Vergiftung der Luft sein. Gefallenes Vieh, Kehricht und Lumpen sollten vergraben oder vor den Toren der Stadt an bestimmten Stellen abgelegt werden. Schweine sollten nicht in der Stadt gehalten werden. Gewerbliche Verunreinigungen sollten von der Straße ferngehalten werden und Lohgerber, Seifensieder, Lichtzieher, Kürschner und Apotheker sollten ihre Geschäfte, die mit Destillaten und giftigen Sachen zu tun hatten, vor der Stadt verrichten. Weder Kot noch Urin durften auf die Straße gelassen werden, und in die Klosetts sollte Kalk geschüttet werden. Ferner wurde das Ausräuchern der Häuser, dreimal täglich mit Räucherpulvern oder Wermut, Eichenlaub oder Wacholder angeordnet. In den Vorschriften wird auch auf die Gefährlichkeit der Badstuben aufmerksam gemacht, der öffentlichen Versammlungen und der Bedeutung der Prostitution für die Ausbreitung der Pandemie. Das Baden war nur zu Hause erlaubt. Des Weiteren wurden die Ortschaften abgesperrt. Quedlinburg wurde durch die Maßnahmen und eine strenge Absperrung 1680 weitgehend vor der Pest bewahrt, die bereits bis in das benachbarte Halberstadt vorgedrungen war. Lebensmittellieferungen von auswärts mussten 500 Meter vor der Stadt abgelegt werden und wurden dann abgeholt, so dass sich die Menschen nicht begegneten. Neben einer gottesfürchtigen Lebensweise wurde ein maßvolles Leben empfohlen: Sieben bis acht Stunden Schlaf täglich, keine Überarbeitung, aber auch keine Faulheit sowie mäßiges Essen und Trinken. Den Quedlinburgern wurde zudem empfohlen, auf ihr geliebtes, frisch gebrautes, süßes Schwarzbier zu verzichten und stattdessen lieber klaren Schnaps zu trinken.

Natürlich gab es auch Vorschriften zum Umgang mit Pestkranken. Von Pest betroffene Häuser wurden geschlossen, auch die gesunden Bewohner durften sie nicht verlassen. Wenn die Krankheit vorüber war, mussten die Bewohner noch 8 Tage in Quarantäne bleiben. Außerdem wurde ein Pesthof außerhalb der Stadtmauer eingerichtet.

Manche der Vorschriften sind heute überkommen, weil Abwassersysteme, Müllabfuhr und Gesundheitswesen alltäglich für uns sind. An anderen hat sich bis heute nichts geändert, da wir mittlerweile wissen, dass Viren wie Corona über die Atemluft und über nahen Kontakt übertragen werden.

Januar 2021 - Romantischer Winter in Bildern eines berühmten Quedlinburgers
"Winter am Niederrhein" | Foto: Christian Müller M.A.

Bild: Gemälde „Winter am Niederrhein“, Öl auf Holz, 35,5 x 47,5 cm; © Städtische Museen und Archiv der Welterbestadt Quedlinburg. Foto: Christian Müller M.A.

Sehnsüchtig blicken wir manchmal zurück auf die Winter unserer Kindheit. In unserer Erinnerung waren sie weiß, es hat regelmäßig geschneit und wir konnten Schlitten fahren oder Schlittschuhlaufen. Ein Winter mit romantisch verschneiter Landschaft ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Für den Quedlinburger Maler Wilhelm Steuerwaldt waren Winterlandschaften eines seiner Lieblingsmotive. Bekannt ist er noch mehr für seine fantasievollen Darstellungen aus Kirchengewölben in eine Landschaft, in der man Klöster, Schlösser oder Ruinen sieht. Der Maler verband die detailgetreue Abbildung historischer Architektur mit einem sehnsuchtsvollen Ausblick. Das war typisch für die Maler der Romantik. Sie wandten sich ab vom gegenwärtigen Weltgeschehen ins Private und flüchteten sich in die Vergangenheit oder die unberührte Natur. So wie Steuerwaldt auf unserem Gemälde „Winter am Niederrhein“. Es zeigt eine winterliche Landschaft am zugefrorenen Fluss. Auf dem Gewässer drehen vereinzelt Schlittschuhläufer ihre Runden. Im Vordergrund befinden sich drei Personen, die ein Gefährt über das Eis schieben. Es könnte sich um einen Eisschlitten handeln, wie ihn schon der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock – selbst passionierter „Schrittschuh“-Läufer“ - beschrieben hat. Frauen gingen damals nicht Eislaufen, sondern ließen sich von sportlichen Schlittschuhläufern in Schlitten über das Eis schieben. Am verschneiten Ufer des Rheins steht ein kleines strohgedecktes Haus, eine Seite des Giebels ragt fast bis zum Boden. Hinter dem Gebäude streckt ein knorriger, entlaubter Baum seine Zweige in den wolkigen Himmel. Im Hintergrund sind Häuser und Hügel zu erahnen, jedoch durch den Dunstschleier nicht genau zu erkennen. Das Gemälde ist eines der wenigen Bilder von Steuerwaldt, das keinen Ort im Harz abbildet. Der Maler zeichnete sonst überwiegend seine Heimat.

Wilhelm Steuerwaldt wurde am 1. September 1815 in Quedlinburg geboren. Seine Familie wohnte im heutigen Finkenherd 1. Die Begeisterung für Kunst und das Malen hatte er von seinem Vater, der dem Kind die Grundlagen des Zeichnens beibrachte. Als Jugendlicher ging Wilhelm bei dem Halberstädter Architekturmaler Carl Georg Hasenpflug in die Lehre. Im Anschluss besuchte er die renommierte Düsseldorfer Kunstakademie. Die dortige Ausbildung der Maler war speziell darauf ausgerichtet, den steigenden Bilderbedarf des Bürgertums zu decken. Nach seinem Studium in der Rheinmetropole kehrte der junge Maler 1836 nach Quedlinburg zurück und wirkte hier als freischaffender Künstler. Das war zu damaliger Zeit eine Besonderheit, weil es mit einem hohen finanziellen Risiko verbunden war. Bereits drei Jahre später kaufte er gemeinsam mit seinem Vater das Klopstockhaus. Das zeigt, dass er sich als Heimatmaler bereits etabliert hatte. Von 1834 bis 1860 währte seine schaffensreichste Periode. Sehr bekannt sind seine Motive vom Quedlinburger Schloss, der Krypta der Stiftskirche und der Klosterruine Walkenried. Im letzten Drittel des Jahrhunderts änderte sich jedoch der Geschmack des Publikums. Steuerwaldt hatte Absatzprobleme und sein letzter Lebensabschnitt war von Geldsorgen geprägt. Er starb am 7. Dezember 1871 an einer Lungenentzündung, mit nur 56 Jahren. Sein Grab befand sich auf dem Wipertifriedhof in Quedlinburg; es wurde eingeebnet.

Die Sammlung der Städtischen Museen der Welterbestadt Quedlinburg bewahren heute 47 Gemälde von Steuerwaldt, davon neun mit winterlichen Motiven, und 182 Grafiken des Quedlinburger Romantikers. Die schönsten seiner Werke werden im neuen Museum auf dem Stiftsberg einen Platz erhalten und dann der Öffentlichkeit wieder zugänglich sein.

Dezember 2020 - Süße Weihnachten in Quedlinburg seit dem 16. Jahrhundert
Lebkuchenmodel mit Kredenzmessern | Foto: Christian Müller M.A.

Bild: Lebkuchenmodel mit Kredenzmessern, Holz, 14x19 cm © Städtische Museen und Archiv der Welterbestadt Quedlinburg. Foto: M.A. Christian Müller

Das Objekt des Monats Dezember macht Lust aufs Backen süßer Lebkuchen. Die Städtischen Museen haben eine stattliche Sammlung an Lebkuchenmodeln von verschiedenen Quedlinburger Bäckereien seit der Barockzeit. Die Modeln sind aus Holz und bis zu 33x25 cm groß. Auf beiden Seiten sind zum Teil sehr aufwendige Motive eingeschnitzt. Mit den Modeln konnten Lebkuchen mit Bildern hergestellt werden – sogenannte Bildlebkuchen. Dafür wurde der Teig in den Model gepresst, auf das Backblech gestürzt und dann gebacken. Anders als heute waren viele der Bildlebkuchen so groß wie eine A4 Seite. Das lässt darauf schließen, dass sie – ähnlich wie das Brot beim Abendmahl – gebrochen und aufgeteilt wurden. Auf den weihnachtlich-religiösen Hintergrund weisen auch die Motive hin, denn häufig sind Gott, Engel oder christliche Symbole dargestellt.

Lebkuchen haben eine lange Tradition, bereits im alten Ägypten gab es mit Honig gesüßte Kuchen. Im Mittelalter breitete sich diese Backtradition über ganz Deutschland aus. Da man für die Herstellung viele und seltene Gewürze benötigt, wurden vor allem Städte an Handelsknotenpunkten Zentren der Herstellung. Zunächst wurde das Gebäck in Klöstern hergestellt. Aufgrund seiner langen Haltbarkeit wurde der Lebkuchen nicht nur zur Weihnachtszeit verzehrt, sondern auch zu Ostern oder anderen Zeiten. Die Lebkuchen waren ein Bestandteil der Fastenküche und wurden z. B. zu starkem Bier serviert. Später entwickelte sich sogar ein eigener Beruf: der Lebküchler.

Die Lebkuchenmodeln in der städtischen Sammlung erinnern aber nicht nur an eine süße Tradition in der Welterbestadt, sondern auch an Quedlinburger Bäckereien, die heute nicht mehr existieren. Ein Model stammt vom Bäcker und Conditor Carl Strube, dessen Geschäft sich Ende des 19. Jahrhunderts im Steinweg 9 befand. Der zweite große Model ist von 1821 von Bäcker H. Timpe. Wo sein Geschäft war, ließ sich noch nicht herausfinden. Sein Name und die Jahreszahl sind am Rand der Form verzeichnet, und die Jahreszahl ist sogar zentral in das Motiv hinein geschnitzt. Viele Modeln in der städtischen Sammlung haben keine Hinweise auf ihre früheren Besitzer. So auch die kleinste Form: Sie zeigt ein Wappen mit Kredenzmessern, das von Meerjungfrauen gehalten wird. Gehörte sie vielleicht der Konditorei des Quedlinburger Damenstiftes? Oder besaß eine Quedlinburger Bäckerei Privilegien, für das Stift zu backen? Die genaue Bedeutung muss noch ermittelt werden. Allgemeine Hinweise zum Leb- oder Honigkuchen und seiner Herstellung in Quedlinburg findet man im Backstubenbüchlein des Albinus Müller (Quedlinburger Annalen, 1999, S. 61ff.), das der Bäcker in der Hohen Straße 13/14 in Quedlinburg ab 1837 führte. Zu Weihnachten wurde Honigkuchen gebacken. Der Name ist eigentlich nicht berechtigt, denn man backte hauptsächlich mit Rübensirup, der nur die Hälfte kostete. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde Honig preiswerter und somit mehr verbacken. Die Verwendung von Sirup an Stelle von Honig war kein Anlass der Beanstandung, wohl aber das falsche Mehl und bestimmte Verzierungen. Bereits 1559 ordnete der Quedlinburger Magistrat ein Polizeiverbot betreffs Quedlinburger Honigkuchen an. Er verbot das Vergolden und Versilbern von Honigkuchen bei zwei Quedlinburgischen Mark Strafe. Die Kuchenbäcker wurden außerdem ermahnt, gute Honigkuchen zu verkaufen und nicht solche aus Roggenmehl. Honigkuchen als Preise bei Glücksrädern wurden verboten, weil dieses Gebäck von außerhalb mitgebracht wurde. Die Hokenfrauen durften nur Quedlinburger Ware verkaufen. Eine Ausnahme waren Nürnberger Lebkuchen, welche es im 16. Jahrhundert in der Apotheke gab.

 

November 2020 - Ein Geburtstagsgeschenk für eine bemerkenswerte Frau
Erxleben Rose am Klinikum, Foto: Doreen Klinger

Bild: Am alten Eingang zum Harzklinikum ist die Dr. Erxleben Rose noch in voller Blütenpracht zu erleben. Foto: Doreen Klinger

Das Objekt des Monats November verbirgt sich nicht in einem der Museen und liegt auch nicht hinter den verschlossenen Türen des Depots. Es ist für jedermann zugänglich und erinnert an eine große Persönlichkeit unserer Stadt, deren Geburtstag sich am 13. November zum 305. Mal jährt: die Dr. Erxleben Rose. Anlässlich des 300. Geburtstages von Dr. Dorothea Christiane Erxleben wurden im Jahr 2015 zwei Exemplare der Rose gepflanzt: Eines am Harzklinikum, das heute ihren Namen trägt, und eines im Garten auf dem Schlossberg. Gezüchtet wurden sie von Herbert Kranz in Schwarzenbach/Saale. Die Rosen tragen kräftige rote Knospen, zarte rosa Blüten und wehrhafte Dornen. Sie sind ein passendes Symbol für Dorothea Erxleben: als Kind war sie kränklich, erhielt gemeinsam mit ihren Brüdern Hausunterricht vom Vater, Dr. Polycarp Leporin. Von ihm übernahm das Mädchen das Interesse für Medizin, er lehrte sie in dem Fach und nahm sie als junge Frau auch mit zu seinen Patienten. Das anfangs schwächliche Mädchen entwickelte sich zu einer klugen Frau, die ein emanzipatorisches Buch schrieb, den verwitweten Pfarrer der Neustadt heiratete, 5 Stiefkinder und 4 eigene Kinder großzog und nebenbei die Praxis ihres verstorbenen Vaters führte. So viel weibliches Engagement war den (durchweg männlichen) Ärzten von Quedlinburg ein Dorn im Auge: Sie klagten Dorothea der medizinischen Pfuscherei an, weil sie keine ausgebildete Ärztin wäre. Das ließ sich Frau Erxleben nicht gefallen. Sie beantragte bei König Friedrich II. die Erlaubnis zu studieren. Er erteilte sie, und 1754 legte Dorothea Christiane Erxleben als erste Frau in Deutschland ihre Promotion im Fach Medizin ab. Erst gute 150 Jahre später konnten Frauen in Deutschland regulär Medizin studieren. Acht Jahre konnte Dorothea noch professionell als Ärztin in Quedlinburg praktizieren. Am 13.06.1762 starb sie mit nur 46 Jahren. Sie war eben doch eine zarte Pflanze. Heute kann man sich an vier Orten in Quedlinburg an sie erinnern: Im Klopstockhaus, wo es eine Ausstellung über ihr Leben und Werk gibt, in ihrem Geburtshaus im Steinweg 51, am Harzklinikum Dorothea Christiane Erxleben sowie im Schlossgarten. Schauen Sie doch mal vorbei. Diese große Tochter unserer Stadt ist es wert, erinnert zu werden und ist auch heute noch ein Vorbild für Frauen.

 

Oktober 2020 - Kleines Objekt – Viele Fragen
Ostern auf dem Weg in die Sächsiche Schweiz

Bild: Ostern auf dem Weg in die Sächsische Schweiz. © Sigrid Marotz. Vielen Dank an das DDR Museum Berlin (www.ddr-museum.de) für das Foto.

Mit dem Oktober beginnt die Wander- und die Pilze-Suchzeit im Harz. Unser Objekt des Monats Oktober kennt vermutlich jeder, der vor 1980 in der DDR geboren ist:  den Wanderrucksack für Kinder. In das Depot der Welterbestadt Quedlinburg kam das Objekt vor etwa 10 Jahren, als das ehemalige Clubzimmer im Rathaus aufgelöst wurde. In den dortigen Schränken befanden sich diverse Gegenstände aus der DDR-Zeit, wie Gedenktaler und Wimpel, die alle in die Städtische Sammlung aufgenommen wurden. Aufgrund der thematischen Schwerpunkte der Städtischen Museen wurden sie bisher nicht in den hiesigen Ausstellungen gezeigt.

Der kleine rot karierte Kinderrucksack trägt mittig einen Aufnäher, der einen Igel-Wandersmann, den berühmten Mecki, am Wegweiser zu den vier großen Urlaubsgebieten der DDR Harz, Ostsee, Thüringen und Erzgebirge zeigt. Zum rotkarierten gibt es in den Städtischen Sammlungen noch ein Pendant in grau, ebenfalls mit diesem Aufnäher versehen. Verkauft wurden Wanderrucksäcke damals eigentlich ohne Aufnäher. Die kaufte sich der kleine oder große Wanderer im Urlaubsgebiet als Souvenir und nähte diese dann selbst auf seinen Rucksack.

Zur Herkunft der Objekte, die vermutlich mit dem Kulturbund der DDR und seiner Fachgruppe „Touristik und Wandern“ in Verbindung stehen, gab es bei der Aufnahme in das Depot keine Informationen. Das Preisschild am Kinderrucksack verrät zumindest: Er wurde in Görlitz gefertigt, in einem Textilwerk mit dem Kürzel LP, und er kostete 15,20 Mark – für damalige Verhältnisse sehr viel Geld. Eine Anfrage beim Archiv der Stadt Görlitz brachte kein Ergebnis zu dieser Produktionsstätte. Viele Befragte, denen der Rucksack gezeigt wird, kennen ihn aus Kindheitstagen. Jedoch kann sich niemand erinnern, wo es ihn zu kaufen gab. Oder wurde er vielleicht für besondere Leistungen, z. B. beim Wandern oder beim Papier sammeln, vergeben?

 

September 2020 - Mit detektivischem Spürsinn …
Huldigungsschrift für Äbtissin Marie Elisabeth, Herzogin von Holstein-Gottorp

Bild: Huldigungsschrift für Äbtissin Marie Elisabeth, Herzogin von Holstein-Gottorp, 21. März 1740, 36 x 22 cm. Quedlinburg, Historisches Archiv der Welterbestadt Quedlinburg, Rep. 33. Foto: Antje Löser.

Gerade aus Anlass einer Restaurierung schauen sich Museumsmitarbeiter ihre Objekte noch einmal ganz genau an, prüfen den Objektzustand und die Inventareinträge und vervollständigen sie. Auch wenn die Objekte lange schon im eigenen Bestand sind, wie das Gemälde der Äbtissin Marie Elisabeth von Holstein-Gottorp, entdeckt man immer wieder Neuigkeiten. Zumal sich der Bestand der Städtischen Museen und des Archives der Welterbestadt Quedlinburg auch ändert.

Vor nicht allzu langer Zeit erhielt das Historische Archiv der Welterbestadt aus privater Hand eine Schenkung von Dokumenten, die mit der Geschichte unserer Welterbestadt zu tun haben. Darunter auch unser aktuelles Objekt des Monats, eine sogenannte Huldigungsschrift aus Anlass des Geburtstages der Quedlinburger Äbtissin Marie Elisabeth. Es handelt sich um einen vierseitigen Geburtstagsglückwunsch, der mit großer typographischer Sorgfalt und Dekor für „Maria Elisabeth, Erbin zu Norwegen, Herzogin zu Schleswig-Holstein, Stormarn und der Dittmarsen, des Kaiserl. freien weltlichen Stiftes Quedlinburg Äbtissin, Gräfin zu Oldenburg und Delmenhorst“ anlässlich des 62. Geburtstages, welcher am 21. März 1740 war, gedruckt und verteilt wurde. Er enthält eine einseitige Huldigung und ein dreiseitiges Gedicht.

Mit einem solchen Dokument kann man nicht nur die damalige Wertschätzung der gehuldigten Person nachvollziehen, man erhält auch wichtige Detailinformationen: Die Huldigungsschrift nennt nicht nur das Geburtsjahr, sondern auch den genauen Geburtstag und sämtliche Titel der Äbtissin. Weiterhin verrät dieser Druck, dass es zu dieser Zeit eine Stifts-Buchdruckerei in Quedlinburg gab, sie von Andreas Bernhard Calvisius in Auftrag gegeben wurde und der Druck durch einen Gottfried Heinrich Schwan erfolgte. Mit detektivischem Spürsinn schauten die Kollegen des Archives weiter in ihre Findbücher und fanden spannendes: Die genannte Stifts-Buchdruckerei z.B. war „ufn Kirchhofe“ (Auf dem Benedicti-Kirchhof), dem jetzigen Marktkirchhof 10 ansässig. Auch zu dem Auftraggeber Andreas Bernhard Calvisius ließ sich im Historischen Archiv ergänzend etwas finden. Er war ernannter Konventual des Klosters Michaelstein, d. h. ein stimmberechtigtes Mitglied der Klosterversammlung. Aus Dankbarkeit darüber, dass er die „Stiftische Collegiaten-Stelle“ durch die Äbtissin erhielt, gab er den Druck in Auftrag. Forscht man nun in den Häuserbüchern der Stadt Quedlinburg weiter, findet man Anfang des 18. Jahrhunderts eine Familie Calvisius in welcher es einen Konsistorialrat und „Past.(oris) Benedicti“ gab. Die Familie war damals in der Hohen Straße 8 ansässig.

Durch den glücklichen Umstand, dass in Quedlinburg Museum und Archiv verwaltungstechnisch und räumlich zusammengehören, können die Kollegen mit ihrer manchmal detektivischen Arbeit einem Bild eine Geschichte und den schriftlichen Dokumenten ein Gesicht geben – wie im geschilderten Fall. Auf diese Art und Weise lassen sich viele Verknüpfungen von Familien, der Geschichte unserer Stadt und dem Stift herstellen und zur Erforschung unserer Geschichte beitragen.

August 2020 - Eine rätselhafte Schönheit
Unbekannte Dame, Öl auf Leinwand, 2. Hälfte 18. Jahrhundert, 81 x 61 cm.

Bild: Quedlinburg, Städtische Museen und Archiv der Welterbestadt. Foto: Franziska Schott, Halle/Saale.

Das Objekt des Monats August, das noch bis zum Februar dieses Jahres im Quedlinburger Schlossmuseum hing, ist eine Dame, von der wir weder Namen noch Herkunft kennen. Sie gehört zu den drei ersten Damen des Quedlinburger Schlossmuseums, die sich für die Neupräsentation des Stiftsbergensembles in drei Jahren bereits jetzt schön machen ließen. Alle drei kehren nach einer aufwendigen Restaurierung in das Depot der Städtischen Museen der Welterbestadt Quedlinburg zurück.

Auf dem nahezu lebensgroßen Ölgemälde blickt uns seit über 250 Jahren eine unbekannte Dame mit stolzem und wachem Blick an. Sie trägt eine silbrig-weiße „robe à la française“, ein kostbares Kleid im französischen Stil mit sehr starker Taillierung und aufwendigen aufgesetzten Dekorationen an der Schnürbrust und den Ärmeln aus unzähligen Rüschen und Schleifen. Diese sind, wie auch die fünflagigen Ärmelvolants, aus kostbarer Klöppelspitze ausgeführt. Über der linken Schulter liegt ein Teil eines Mantelüberwurfes, der im Gegensatz zur Leichtigkeit der hellen Klöppelspitze des Kleides aus schwerem dunkelblauem Samt gearbeitet ist.

Die Form des Kleides und die verschwenderische Verwendung der Klöppelspitze sprechen für eine Entstehung des Bildes zwischen 1750 und 1770. Berühmte Frauen wie Madame de Pompadour (†1764) trugen solch kostbare Kleider. Damit sind wir in der Zeit des Rokokos und in den Kreisen des europäischen Hochadels. Im Rokoko, einer Stilrichtung französischen Ursprungs, die sich vor allem nach der Epoche des Sonnenkönigs Ludwig XIV. (†1715) am dortigen Hof entwickelt hatte, wich der prunkvolle monumentale Stil des Barock in allen Bereichen des Alltags einer spielerischen Gelöstheit, einer fantasievollen dekorativen Eleganz und einer anmutigen Schönheit.

Auffallend ist der sehr üppige Perlenschmuck den die unbekannte Schönheit trägt. Während die Art des Haarschmuckes und die der Ohrringe öfter bei Darstellungen hochadliger Damen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anzutreffen sind, ist das üppige zweilagige Collier eine Besonderheit. So aufwendigen Halsschmuck trugen eher Damen aus spanischem oder italienischem Adel. Zudem waren Perlen im 18. Jahrhundert selten und kostbar, der Großteil kam aus dem Orient oder über Spanien aus der Neuen Welt, kleinere Perlen auch aus heimischen Gewässern. Getragen werden durften Perlen im 18. Jahrhundert nur vom Hochadel. Die Perle hatte einen tiefen Symbolcharakter und stand für Reinheit, Weisheit und Kinderreichtum. Aus diesem Grund wird Perlenschmuck auch heute noch bei Hochzeiten getragen.

Die rätselhafte Schönheit gehörte also ganz offensichtlich zum europäischen Hochadel der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit steuerten zwei große Frauen die Geschicke des Quedlinburger Damenstiftes: Marie Elisabeth von Holstein Gottorf (1718-1755) und Anna Amalie von Preußen (1756-1787). Ob die unbekannte Dame tatsächlich eine Stiftsdame in Quedlinburg, gar eine Äbtissin war oder zur Familie der Äbtissinnen gehörte, können wir noch nicht sagen.

Das Bild gehört zum Altbestand der Städtischen Museen der Welterbestadt Quedlinburg. Es wurde im Jahr 1904 vom Königlichen Superintendenten Ludwig Busch (†1910) aus dem Nachlass seiner Frau Johanna Oelert der Stadt Quedlinburg geschenkt.

Juli 2020 - Ganz heiß auf Eis

Friedrich Gottlieb Klopstock war nicht nur ein großartiger Dichter. Als begeisterter Sportler seiner Zeit machte er das Eislaufen bekannt und sogar literaturfähig. Im Klopstockhaus sind seine Schlittschuhe ausgestellt, die er "Schrittschuhe" nannte, weil ihn der Eislauf an das rhythmische "Schreiten" der Dichtung Homers erinnerte.

Zwar kann der Harz kalt und winterlich sein, aber hier in Quedlinburg hat Klopstock das Eislaufen nicht gelernt, sondern in Dänemark. Dort lebte er fast 10 Jahre. Er folgte dem Ruf des dänischen Königs, der begeistert von seinem Werk war und die Fertigstellung von Klopstocks „Messias“ förderte. Die Natur im hohen Norden beeindruckte ihn stark und man konnte den jungen Klopstock des Öfteren über gefrorene Seen gleiten und manchmal sogar Eislaufunterricht geben sehen. Mehr noch: Klopstock brachte den Eislauf in Mode, und schrieb Oden auf den winterlichen Sport. Ein Gedicht trägt sogar den Namen:

„Der Eislauf“

Unsterblich ist mein Name dereinst!
Ich erfinde noch dem schlüpfenden Stahl
Seinen Tanz! Leichteres Schwungs fliegt er hin,
Kreiset umher, schöner zu sehn.
(Auszug)

Die ersten, die Klopstock nacheiferten, waren junge Adelige. Sogar Madame de Pompadour und später Napoleon selbst schnallten sich die damals noch abenteuerlichen Modelle aus Holz, Knochen und Eisen unter die Füße. Auch Dichter und Denker propagierten die Bewegungen in Frost und freier Natur als gesundes, dem Denken förderliches Hobby. Allen voran GutsMuths, der den Eislauf in seine Texte und seinen Unterricht integrierte. Allein Klopstock verwandelte sein liebstes Wintervergnügen von der technischen Sportart des Schrittschuhlaufens in den ästhetischen Eistanz.

Wie das Eis hallt!
Wie fliegst du dahin!
Drum gib dem Tanz Melodie.
zur Linken wende du dich, ich will
Zu der Rechten hin halbkreisend mich drehn;
Nimm den Schwung, wie du mich ihn nehmen siehst.

Zu besichtigen sind Klopstocks Schrittschuhe im Klopstockhaus, Schlossberg 12, geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 10-17 Uhr.

Juni 2020 - Ansicht des Quedlinburger Schlosses von Norden
C.C. (?) Voigt, Der Stiftsberg von Nordwest, Gemälde, 39x28cm, Ende 18. Jahrhundert.

Bild: Quedlinburg, Städtische Museen und Archiv der Welterbestadt. Foto: Christian Müller M.A. Das Bild gehört zu einer kleinen Serie von vier Gemälden Voigts.

Das Objekt des Monates Juni ist keine große Sensation, sondern ein kleines Gemälde aus dem Schlossmuseum, das derzeit im Depot lagert. Sein besonderer Stellenwert liegt in der sehr detailgetreuen Darstellung der Stiftsbergarchitektur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Im Vordergrund gibt die Bebauung der Fachwerkstadt den Blick frei auf den unteren Schlossberg mit der ursprünglichen „Alten Wache“. Eine Kutsche mit Sechsergespann und bewaffneter Eskorte – vielleicht hoher Besuch für die Äbtissin Anna Amalia (1756-1786) oder gar die Äbtissin selbst – setzt sich in Bewegung. Die steile Auffahrt auf den Schlossberg war mit einem einfachen Gespann nicht zu überwinden. Kinder bestaunen das Geschehen, Bauarbeiter reparieren die Pflasterung, Schafe weiden auf den Hängen des Schlossberges und Katzen schleichen über die Dachfirste um Vögel zu fangen.

Nicht nur diese lebensnah geschilderten Szenen sind bemerkenswert, das Bild dokumentiert auch sehr genau die bauliche Gestalt des Stiftsbergensembles in seiner letzten Blütezeit. In elfenbeinfarbigem Ton erhebt sich der massive Komplex hoch über der Bergkuppe des Schlossfelsens. Das Konglomerat an eng aneinandergefügten Bauteilen aus unterschiedlichen Epochen mit sehr vielgestaltigen Dachformen erscheint durch die gleiche helle Farbgebung aller Teile als ein großes mächtiges Bauwerk. Architektonische Details wie an den drei großen geschwungenen Giebeln der Nordseite, dem Schmuckgiebel des Westflügels mit Zinnenzier (um 1860 abgetragen), die bossierten Gebäudekanten und die Fenstereinfassungen sind heller gefasst.

Eine große, massive Architektur war die von den Äbtissinnen des 18. Jahrhunderts beabsichtigte Wirkung ihrer Residenz während der letzten großen Umgestaltungsarbeiten zwischen 1718 und 1755 – nicht die Sichtbarkeit von Fachwerk oder wiederverwendetem und ausgebessertem Baumaterial, wie man es seit Jahrzehnten sehen kann.

Allerdings nicht mehr lange. In enger Abstimmung mit den Denkmalpflegebehörden wurde entschieden, der Intention der Äbtissinnen wieder zu folgen und im Rahmen der aktuell laufenden Sanierungsarbeiten den Stiftsgebäuden wieder ihren erhabenen Charakter zurückzugeben, so wie es Voigt Ende des 18. Jahrhunderts auf unserem kleinen Bild dokumentiert hat. Im Mai werden die Gerüststellungen auch um den West- und Südflügel gezogen. Nutzen Sie also die letzte Gelegenheit, die Stiftsgebäude ohne ihre eigentliche elfenbeinfarbene Hülle zu betrachten. In nur knapp zwei Jahren werden wir die Bilder Voigts wieder hervorholen und vergleichen können.

Ein kleines Bild mit großer Bedeutung.

Über den Künstler wissen wir so gut wie nichts. 1786 veröffentlichte Stadtsyndikus Gottfried Christian Voigt eine dreibändige Geschichte des Stiftes Quedlinburg und verwendete darin Kupferstiche von seinem Bruder C.C. Voigt. Wir vermuten, dass dieser C.C. Voigt auch der Schöpfer des Gemäldes vom Quedlinburger Schlossberg ist.

Mai 2020 - Rätselhaftes Graffiti
Graffiti: Das Lehmputzfragment vom Dachboden des Schlosses ist ca. 100 x 50 Zentimeter groß und 15 Zentimeter stark.

Das Objekt des Monates ist im Mai ein echtes Fundstück aus dem Schlossmuseum. Während der aktuell laufenden Reinigungsarbeiten im Dachstuhl des Residenzbaus wurde ein großes loses Putzstück unter Bauschutt gefunden, das nach seiner Reinigung für einiges Erstaunen sorgte. Auf dem ca. 100 cm breiten und 50 cm hohen Lehmputzfragment sind mit weißer, roter und blauer Tusche Ornamente, Architekturfragmente und ein geflügeltes Fantasiewesen als Brunnenfigur auf den blaugrau grundierten Putz gemalt. Die Ornamente und die Art der Ausführung sprechen für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Woher das Putzfragment jedoch genau stammt, kann nicht mehr rekonstruiert werden. Im Dachstuhl des ehemaligen Damenstiftes waren über drei Etagen die Zimmer der Bediensteten und die Zimmer der Schülerinnen der Stiftsschule untergebracht. Während vieler Umbauten und der Sanierungsarbeiten der letzten 100 Jahre sind die Wände und Fußböden dieser Zimmer abgebrochen worden und größtenteils verschwunden.

Ebenso rätselhaft wie seine Herkunft bleibt auch der Grund für dieses barocke Graffiti. Ob es eine Übung im perspektivischen Zeichnen, ein Teilentwurf für eine neue Architektur oder nur Fantasie ist, kann nicht mehr gesagt werden. Dass das Putzfragment jedoch aufgehoben wurde, spricht für seine Einzigartigkeit in den ehemaligen Dachstuben.

Wenn ihr Hinweise zu diesem rätselhaften Objekt habt, sendet diese bitte an die Städtischen Museen der Welterbestadt Quedlinburg:

Tel. 03946-905681 oder museen@quedlinburg.de

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