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Objekt des Monats

Die Städtischen Museen und das Archiv der Welterbestadt Quedlinburg präsentieren jeden Monat ein ganz besonderes Objekt aus ihrer Sammlung. Entdecken Sie mit uns besondere Objekte der Museen und Sammlungen der Welterbestadt Quedlinburg!

August 2020 - Eine rätselhafte Schönheit
Unbekannte Dame, Öl auf Leinwand, 2. Hälfte 18. Jahrhundert, 81 x 61 cm.

Bild: Quedlinburg, Städtische Museen und Archiv der Welterbestadt. Foto: Franziska Schott, Halle/Saale.

Das Objekt des Monats August, das noch bis zum Februar dieses Jahres im Quedlinburger Schlossmuseum hing, ist eine Dame, von der wir weder Namen noch Herkunft kennen. Sie gehört zu den drei ersten Damen des Quedlinburger Schlossmuseums, die sich für die Neupräsentation des Stiftsbergensembles in drei Jahren bereits jetzt schön machen ließen. Alle drei kehren nach einer aufwendigen Restaurierung in das Depot der Städtischen Museen der Welterbestadt Quedlinburg zurück.

Auf dem nahezu lebensgroßen Ölgemälde blickt uns seit über 250 Jahren eine unbekannte Dame mit stolzem und wachem Blick an. Sie trägt eine silbrig-weiße „robe à la française“, ein kostbares Kleid im französischen Stil mit sehr starker Taillierung und aufwendigen aufgesetzten Dekorationen an der Schnürbrust und den Ärmeln aus unzähligen Rüschen und Schleifen. Diese sind, wie auch die fünflagigen Ärmelvolants, aus kostbarer Klöppelspitze ausgeführt. Über der linken Schulter liegt ein Teil eines Mantelüberwurfes, der im Gegensatz zur Leichtigkeit der hellen Klöppelspitze des Kleides aus schwerem dunkelblauem Samt gearbeitet ist.

Die Form des Kleides und die verschwenderische Verwendung der Klöppelspitze sprechen für eine Entstehung des Bildes zwischen 1750 und 1770. Berühmte Frauen wie Madame de Pompadour (†1764) trugen solch kostbare Kleider. Damit sind wir in der Zeit des Rokokos und in den Kreisen des europäischen Hochadels. Im Rokoko, einer Stilrichtung französischen Ursprungs, die sich vor allem nach der Epoche des Sonnenkönigs Ludwig XIV. (†1715) am dortigen Hof entwickelt hatte, wich der prunkvolle monumentale Stil des Barock in allen Bereichen des Alltags einer spielerischen Gelöstheit, einer fantasievollen dekorativen Eleganz und einer anmutigen Schönheit.

Auffallend ist der sehr üppige Perlenschmuck den die unbekannte Schönheit trägt. Während die Art des Haarschmuckes und die der Ohrringe öfter bei Darstellungen hochadliger Damen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anzutreffen sind, ist das üppige zweilagige Collier eine Besonderheit. So aufwendigen Halsschmuck trugen eher Damen aus spanischem oder italienischem Adel. Zudem waren Perlen im 18. Jahrhundert selten und kostbar, der Großteil kam aus dem Orient oder über Spanien aus der Neuen Welt, kleinere Perlen auch aus heimischen Gewässern. Getragen werden durften Perlen im 18. Jahrhundert nur vom Hochadel. Die Perle hatte einen tiefen Symbolcharakter und stand für Reinheit, Weisheit und Kinderreichtum. Aus diesem Grund wird Perlenschmuck auch heute noch bei Hochzeiten getragen.

Die rätselhafte Schönheit gehörte also ganz offensichtlich zum europäischen Hochadel der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit steuerten zwei große Frauen die Geschicke des Quedlinburger Damenstiftes: Marie Elisabeth von Holstein Gottorf (1718-1755) und Anna Amalie von Preußen (1756-1787). Ob die unbekannte Dame tatsächlich eine Stiftsdame in Quedlinburg, gar eine Äbtissin war oder zur Familie der Äbtissinnen gehörte, können wir noch nicht sagen.

Das Bild gehört zum Altbestand der Städtischen Museen der Welterbestadt Quedlinburg. Es wurde im Jahr 1904 vom Königlichen Superintendenten Ludwig Busch (†1910) aus dem Nachlass seiner Frau Johanna Oelert der Stadt Quedlinburg geschenkt.

Juli 2020 - Ganz heiß auf Eis

Friedrich Gottlieb Klopstock war nicht nur ein großartiger Dichter. Als begeisterter Sportler seiner Zeit machte er das Eislaufen bekannt und sogar literaturfähig. Im Klopstockhaus sind seine Schlittschuhe ausgestellt, die er "Schrittschuhe" nannte, weil ihn der Eislauf an das rhythmische "Schreiten" der Dichtung Homers erinnerte.

Zwar kann der Harz kalt und winterlich sein, aber hier in Quedlinburg hat Klopstock das Eislaufen nicht gelernt, sondern in Dänemark. Dort lebte er fast 10 Jahre. Er folgte dem Ruf des dänischen Königs, der begeistert von seinem Werk war und die Fertigstellung von Klopstocks „Messias“ förderte. Die Natur im hohen Norden beeindruckte ihn stark und man konnte den jungen Klopstock des Öfteren über gefrorene Seen gleiten und manchmal sogar Eislaufunterricht geben sehen. Mehr noch: Klopstock brachte den Eislauf in Mode, und schrieb Oden auf den winterlichen Sport. Ein Gedicht trägt sogar den Namen:

„Der Eislauf“

Unsterblich ist mein Name dereinst!
Ich erfinde noch dem schlüpfenden Stahl
Seinen Tanz! Leichteres Schwungs fliegt er hin,
Kreiset umher, schöner zu sehn.
(Auszug)

Die ersten, die Klopstock nacheiferten, waren junge Adelige. Sogar Madame de Pompadour und später Napoleon selbst schnallten sich die damals noch abenteuerlichen Modelle aus Holz, Knochen und Eisen unter die Füße. Auch Dichter und Denker propagierten die Bewegungen in Frost und freier Natur als gesundes, dem Denken förderliches Hobby. Allen voran GutsMuths, der den Eislauf in seine Texte und seinen Unterricht integrierte. Allein Klopstock verwandelte sein liebstes Wintervergnügen von der technischen Sportart des Schrittschuhlaufens in den ästhetischen Eistanz.

Wie das Eis hallt!
Wie fliegst du dahin!
Drum gib dem Tanz Melodie.
zur Linken wende du dich, ich will
Zu der Rechten hin halbkreisend mich drehn;
Nimm den Schwung, wie du mich ihn nehmen siehst.

Zu besichtigen sind Klopstocks Schrittschuhe im Klopstockhaus, Schlossberg 12, geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 10-17 Uhr.

Juni 2020 - Ansicht des Quedlinburger Schlosses von Norden
C.C. (?) Voigt, Der Stiftsberg von Nordwest, Gemälde, 39x28cm, Ende 18. Jahrhundert.

Bild: Quedlinburg, Städtische Museen und Archiv der Welterbestadt. Foto: Christian Müller M.A. Das Bild gehört zu einer kleinen Serie von vier Gemälden Voigts.

Das Objekt des Monates Juni ist keine große Sensation, sondern ein kleines Gemälde aus dem Schlossmuseum, das derzeit im Depot lagert. Sein besonderer Stellenwert liegt in der sehr detailgetreuen Darstellung der Stiftsbergarchitektur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Im Vordergrund gibt die Bebauung der Fachwerkstadt den Blick frei auf den unteren Schlossberg mit der ursprünglichen „Alten Wache“. Eine Kutsche mit Sechsergespann und bewaffneter Eskorte – vielleicht hoher Besuch für die Äbtissin Anna Amalia (1756-1786) oder gar die Äbtissin selbst – setzt sich in Bewegung. Die steile Auffahrt auf den Schlossberg war mit einem einfachen Gespann nicht zu überwinden. Kinder bestaunen das Geschehen, Bauarbeiter reparieren die Pflasterung, Schafe weiden auf den Hängen des Schlossberges und Katzen schleichen über die Dachfirste um Vögel zu fangen.

Nicht nur diese lebensnah geschilderten Szenen sind bemerkenswert, das Bild dokumentiert auch sehr genau die bauliche Gestalt des Stiftsbergensembles in seiner letzten Blütezeit. In elfenbeinfarbigem Ton erhebt sich der massive Komplex hoch über der Bergkuppe des Schlossfelsens. Das Konglomerat an eng aneinandergefügten Bauteilen aus unterschiedlichen Epochen mit sehr vielgestaltigen Dachformen erscheint durch die gleiche helle Farbgebung aller Teile als ein großes mächtiges Bauwerk. Architektonische Details wie an den drei großen geschwungenen Giebeln der Nordseite, dem Schmuckgiebel des Westflügels mit Zinnenzier (um 1860 abgetragen), die bossierten Gebäudekanten und die Fenstereinfassungen sind heller gefasst.

Eine große, massive Architektur war die von den Äbtissinnen des 18. Jahrhunderts beabsichtigte Wirkung ihrer Residenz während der letzten großen Umgestaltungsarbeiten zwischen 1718 und 1755 – nicht die Sichtbarkeit von Fachwerk oder wiederverwendetem und ausgebessertem Baumaterial, wie man es seit Jahrzehnten sehen kann.

Allerdings nicht mehr lange. In enger Abstimmung mit den Denkmalpflegebehörden wurde entschieden, der Intention der Äbtissinnen wieder zu folgen und im Rahmen der aktuell laufenden Sanierungsarbeiten den Stiftsgebäuden wieder ihren erhabenen Charakter zurückzugeben, so wie es Voigt Ende des 18. Jahrhunderts auf unserem kleinen Bild dokumentiert hat. Im Mai werden die Gerüststellungen auch um den West- und Südflügel gezogen. Nutzen Sie also die letzte Gelegenheit, die Stiftsgebäude ohne ihre eigentliche elfenbeinfarbene Hülle zu betrachten. In nur knapp zwei Jahren werden wir die Bilder Voigts wieder hervorholen und vergleichen können.

Ein kleines Bild mit großer Bedeutung.

Über den Künstler wissen wir so gut wie nichts. 1786 veröffentlichte Stadtsyndikus Gottfried Christian Voigt eine dreibändige Geschichte des Stiftes Quedlinburg und verwendete darin Kupferstiche von seinem Bruder C.C. Voigt. Wir vermuten, dass dieser C.C. Voigt auch der Schöpfer des Gemäldes vom Quedlinburger Schlossberg ist.

Mai 2020 - Rätselhaftes Graffiti
Graffiti: Das Lehmputzfragment vom Dachboden des Schlosses ist ca. 100 x 50 Zentimeter groß und 15 Zentimeter stark.

Das Objekt des Monates ist im Mai ein echtes Fundstück aus dem Schlossmuseum. Während der aktuell laufenden Reinigungsarbeiten im Dachstuhl des Residenzbaus wurde ein großes loses Putzstück unter Bauschutt gefunden, das nach seiner Reinigung für einiges Erstaunen sorgte. Auf dem ca. 100 cm breiten und 50 cm hohen Lehmputzfragment sind mit weißer, roter und blauer Tusche Ornamente, Architekturfragmente und ein geflügeltes Fantasiewesen als Brunnenfigur auf den blaugrau grundierten Putz gemalt. Die Ornamente und die Art der Ausführung sprechen für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Woher das Putzfragment jedoch genau stammt, kann nicht mehr rekonstruiert werden. Im Dachstuhl des ehemaligen Damenstiftes waren über drei Etagen die Zimmer der Bediensteten und die Zimmer der Schülerinnen der Stiftsschule untergebracht. Während vieler Umbauten und der Sanierungsarbeiten der letzten 100 Jahre sind die Wände und Fußböden dieser Zimmer abgebrochen worden und größtenteils verschwunden.

Ebenso rätselhaft wie seine Herkunft bleibt auch der Grund für dieses barocke Graffiti. Ob es eine Übung im perspektivischen Zeichnen, ein Teilentwurf für eine neue Architektur oder nur Fantasie ist, kann nicht mehr gesagt werden. Dass das Putzfragment jedoch aufgehoben wurde, spricht für seine Einzigartigkeit in den ehemaligen Dachstuben.

Wenn Sie, liebe Leser, Hinweise zu diesem rätselhaften Objekt haben, senden Sie diese bitte an die Städtischen Museen der Welterbestadt Quedlinburg:

Tel. 03946-905681 oder museen@quedlinburg.de

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