Unterwegs im Freien
Tom Wawerek. Wanderer, Outdoor-Fan und Gründer von Unterwegs im Freien.
| Anspruch | Kondition leicht, Technik leicht |
| Strecke | 8 km |
| Höhenmeter | ca. 150 hm |
| Dauer (reine Gehzeit) | ca. 2 Stunden |
| Start | Marktplatz Quedlinburg |
| Hundegeeignet | Ja |
| Familienfreundlich | Ja |
| Harzer Wandernadel | vier Sonderstempel |
Tom Wawerek. Wanderer, Outdoor-Fan und Gründer von Unterwegs im Freien.
Ich wohne inzwischen ein paar Jahre hier und laufe trotzdem immer wieder dieselbe Runde. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie auf acht Kilometern vieles von dem einsammelt, was Quedlinburg ausmacht. Sie führt über den Stiftsberg und durch die engen Fachwerkgassen. Dazu geht es hoch zur alten Warte über der Stadt.
Am schönsten finde ich allerdings den Feldweg auf dem Rückweg. Von dort sieht man die Stadt in der Ferne liegen, vermutlich fast genauso wie ihre Besucher im Mittelalter.
Diesmal war ich allein unterwegs. Die Runde bin ich vorher aber auch schon mit meiner Frau und meiner Kleinen gegangen. Sie funktioniert als schnelle Feierabendrunde genauso wie als Familienvormittag mit vier Stempeln als Motivation.
Los geht es am Marktplatz. Vor dem Rathaus steht der Roland, drumherum Fachwerk in alle Richtungen. Früh am Morgen ist hier noch kaum jemand unterwegs, das ändert sich im Laufe des Tages ziemlich deutlich. Von hier sind es nur ein paar Minuten durch die Gassen bis zum Aufstieg auf den Schlossberg.
Oben steht der Kern des Ganzen. Heinrich I. baute Quedlinburg ab 919 zum Zentrum frühottonischer Macht aus. Auf eigenen Wunsch wurde er 936 hier bestattet. Seine Frau Mathilde gründete gemeinsam mit Otto I. das Damenstift, das über Jahrhunderte die Geschicke der Stadt bestimmte. Wer heute in der Krypta der Stiftskirche steht, befindet sich an einem der ältesten Erinnerungsorte der deutschen Geschichte.
Der Stiftsberg war jahrelang Baustelle. Seit dem 28. März 2026 sind Stiftskirche, Krypta und Domschatz mit neuer Ausstellung geöffnet, täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr. Das komplett neu konzipierte Schlossmuseum folgt am 3. Oktober 2026. Der Terrassengarten ist unabhängig davon frei zugänglich, von April bis Oktober zwischen 6 und 22 Uhr, in den Wintermonaten etwas kürzer. Für den Blick über die Dächer der Altstadt müsst ihr also nichts bezahlen.
Den ersten Sonderstempel gibt es hier oben.
Vom Schlossberg geht es hinunter in den Abteigarten und weiter in den Brühl. Der Wechsel ist ziemlich abrupt. Eben noch Kopfsteinpflaster und Besucherströme, ein paar Minuten später alte Linden und die Bode.
Beide Anlagen gehörten zum Stift. Der Brühl wurde 1179 erstmals urkundlich erwähnt, damals noch als Besitz des Klosters St. Wiperti, das auf der Runde noch kommt. Der Name meint schlicht sumpfiges Wiesengelände. Seine heutige Form bekam der Park 1685 unter Äbtissin Anna Dorothea, die die vier Hauptalleen mit Linden bepflanzen ließ. Die beiden Diagonalalleen kamen 1757 unter Anna Amalia dazu, einer Schwester Friedrichs des Großen. In städtischen Besitz kam der Brühl erst 1817 durch eine Schenkung des preußischen Königs.
Für die Wanderung ist der Park einfach der angenehmste Weg aus der Stadt heraus. Man muss kein einziges Mal an einer Hauptstraße entlang.
Hinter dem Brühl beginnt der einzige richtige Anstieg der Runde. Lang ist er nicht, er erklärt aber den größten Teil der 150 Höhenmeter. Oben auf dem Sandsteinrücken, den man hier die Altenburg nennt, steht die Altenburgwarte auf rund 198 Metern.
Die Warte ist eine von elf Feldwarten, mit denen Quedlinburg im Mittelalter seine Feldflur überwacht hat. Ihre Aufgabe war die Beobachtung der umkämpften Grenze zur Grafschaft Regenstein. Vom Turm bestand direkte Sichtverbindung zur Türmerstube auf dem Südturm der Marktkirche, im Ernstfall war die Stadt damit in Minuten alarmiert. Der ursprüngliche Rundturm aus dem 14. oder 15. Jahrhundert verfiel später. Was heute dort steht, hat der Harzklub-Zweigverein Quedlinburg 1889 aus den Resten wieder aufgebaut. Der Turm ist rund zehn Meter hoch und hat einen seltenen fünfeckigen Grundriss. Innen führt eine Wendeltreppe nach oben. Seit 2005 kümmert sich der Wartenverein Quedlinburg um den Erhalt.
Als Wegewart im Harzklub finde ich das schon stark. Ein Turm, der seit über 135 Jahren von Ehrenamtlichen am Leben gehalten wird, ist mehr als nur ein Aussichtspunkt.
Ein praktischer Hinweis dazu: Der Turm ist immer offen, im Inneren gibt es aber kein Licht. Über 51 Stufen geht es hoch, an einigen Stellen wird es richtig dunkel. Nehmt eine kleine Taschenlampe mit oder zumindest das Handy.
Von der Plattform aus liegt die ganze Stadt vor euch. Dahinter zieht sich das Harzvorland hin, bei klarer Sicht bis an die Kante des Harzes. Zweiter Stempel.
Von der Warte führt der Weg durch den Wald oberhalb der Stadt, danach auf einen breiten Feldweg. Das ist für mich der schönste Abschnitt der ganzen Runde, obwohl hier weder ein Turm noch eine Kirche steht.
Man läuft ziemlich gerade auf Quedlinburg zu, links und rechts Felder. In der Ferne schiebt sich der Stiftsberg mit den beiden Türmen ins Bild und wird mit jedem Kilometer größer. Aus dieser Richtung dürften vor tausend Jahren auch die Könige und Kaiser gekommen sein, wenn sie zur Pfalz wollten. Der Anblick hat sich seitdem wahrscheinlich weniger verändert als der Rest der Strecke.
Zurück im Stadtgebiet kommt St. Wiperti. Die Kirche liegt etwas abseits am Wipertifriedhof und wird von vielen Besuchern übersehen, dabei gehört sie zu den ältesten Bauten der Stadt.
Die Ursprünge liegen im 9. Jahrhundert, gegründet vom Kloster Hersfeld aus. Heinrich I. ließ an dieser Stelle eine Saalkirche errichten, um das Jahr 1000 entstand die Krypta, die bis heute nahezu unverändert erhalten ist. Ab 1146 übernahmen die Prämonstratenser. Mit der Reformation wurde St. Wiperti evangelische Gemeindekirche, 1812 zog die Gemeinde dann hinauf nach St. Servatii. Danach sollte die Kirche abgerissen werden. Gerettet hat sie eine Gutsfamilie, die sie kaufte und rund 150 Jahre als Scheune nutzte. In den 1950er Jahren wurde sie wieder hergerichtet, seit 1959 dient sie als Sommerkirche der Gemeinde.
Eine Kirche, die anderthalb Jahrhunderte lang Scheune war und heute zum Welterbe gehört, das muss man erst mal sacken lassen. Dritter Stempel.
Der letzte Anstieg führt über eine Treppe hinauf auf den Münzenberg. Rund 65 winzige Fachwerkhäuser drängen sich hier auf engstem Raum, die Gassen sind stellenweise so schmal, dass zwei Leute kaum nebeneinander passen. Von oben habt ihr den vielleicht besten Blick auf den Schlossberg.
Die Geschichte dieses Viertels ist die skurrilste der ganzen Runde. 986 stiftete Äbtissin Mathilde, eine Schwester Kaiser Ottos II., hier ein Benediktinerinnenkloster mit der Kirche St. Marien. 995 war der Bau fertig, 1015 schlug der Blitz ein, 1017 stand alles wieder. Mit Bauernkrieg und Reformation war Schluss. Das Kloster wurde aufgegeben, die Gebäude dienten eine Zeit lang als Steinbruch. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zogen dann einfache Leute und Musikanten auf den Berg, die ihre Häuser einfach in die Kirchenruine hineinbauten. Am Ende war der Kirchenraum auf 17 Wohnhäuser aufgeteilt. Ein großer Teil dieser Bebauung steht heute noch.
Sichtbar wird das im Museum, das ab den 1990er Jahren auf private Initiative hin Stück für Stück freigelegt wurde und inzwischen zur Deutschen Stiftung Denkmalschutz gehört. Der Eintritt ist frei, eine Spende trotzdem angebracht. Wer keine Zeit für den Innenraum hat, schaut sich wenigstens die halbrunden Apsismauern am Café an. Vierter und letzter Stempel.
Vom Münzenberg sind es dann noch ein paar Minuten hinunter und durch die Altstadt zurück zum Markt.
Für mich ist das die beste Runde, wenn jemand zu Besuch ist und Quedlinburg an einem Vormittag verstehen will. Sie ist kurz und hat kaum Höhenmeter. Trotzdem kommt ihr über den Stiftsberg, steht oben auf der Warte und lauft an allen drei großen romanischen Kirchenbauten der Stadt vorbei.
Mit Kind funktioniert die Tour gut. Meine Kleine ist die Strecke ohne Murren gelaufen, die vier Stempel und der dunkle Turm sind Motivation genug.
Wenn ihr danach Lust auf Fels statt Fachwerk habt: Die Sandhöhlen im Heers und die Burg Regenstein liegen keine halbe Stunde entfernt. Die Grafschaft Regenstein war übrigens genau der Grund, warum die Quedlinburger ihre Altenburgwarte gebaut haben.